Gleichzeitigkeitsfaktor im Wärmenetz
Welchen Wert ansetzen und woher er kommt
Der Gleichzeitigkeitsfaktor ist eine der folgenreichsten Annahmen in der Wärmenetzplanung. Er bestimmt, wie groß Erzeuger, Leitungen und Speicher ausgelegt werden und damit Investitionskosten, Effizienz und Versorgungssicherheit. Wird er zu hoch angesetzt, überdimensioniert man teuer; wird er zu niedrig angesetzt, drohen Engpässe. Für TGA-Planer und Ingenieure ist deshalb nicht die Formel die eigentliche Frage, sondern: Welchen Wert setze ich an und woher kommt er?

Was der Gleichzeitigkeitsfaktor in der Netzplanung bewirkt
Nicht alle Verbraucher rufen ihren Maximalbedarf gleichzeitig ab. Der Gleichzeitigkeitsfaktor bildet genau das ab: Er reduziert die anzusetzende Spitzenlast auf das realistisch gleichzeitig auftretende Niveau. Rechnerisch ist er das Verhältnis aus gleichzeitiger Spitzenlast und der Summe der Einzel-Spitzenlasten – ein Wert zwischen 0 und 1. Planungsrelevant ist aber weniger die Division als die Höhe des Werts.
Der Gleichzeitigkeitsfaktor senkt die Bemessungs-Spitzenlast, die Jahresarbeit (die abgenommene Wärmemenge) bleibt davon unberührt.
Welche Gleichzeitigkeitsfaktoren sind realistisch?

Als erste Orientierung, immer projektspezifisch zu prüfen, haben sich folgende Bereiche etabliert:
| Nutzung/ Kontext | Faktor | Bemerkung |
|---|---|---|
| Wohngebäude (wenige Einheiten) | 0,8 – 1,0 | Geringe Glättung von Heiz- und Warmwasserbedarf |
| Quartier / Mischgebiet | 0,5 – 0,7 | Überlagerung verschiedener Verbrauchsprofile |
| Industrie / Gewerbe | 0,5 – 1,0 | Stark abhängig von der Prozessstruktur |
| Wärmenetz (mehrere hundert Anschlüsse) | 0,3 – 0,6 | Starke statistische Glättung |
In Wohngebäuden mit wenigen Einheiten bleibt die Glättung gering (0,8–1,0). In Quartieren und Mischgebieten überlagern sich Wohnen, Gewerbe und öffentliche Nutzung – typisch sind 0,5–0,7. In der Industrie hängt der Wert stark von der Prozessstruktur ab (Grundlastprozesse nahe 1,0, Schichtbetrieb 0,5–0,8). In kommunalen Wärmenetzen mit mehreren hundert Anschlüssen liegt er meist zwischen 0,3 und 0,6.
Warum der Faktor mit der Anschlusszahl sinkt
Je mehr Verbraucher mit unterschiedlichen Profilen angeschlossen sind, desto
stärker überlagern sich die Lastspitzen zeitlich. Einzelne Höchstwerte fallen
zeitlich auseinander, sodass die gemeinsame Spitze deutlich unter der Summe der
Einzelspitzen liegt. Deshalb sinkt der Gleichzeitigkeitsfaktor mit zunehmender
Anschlusszahl – ein zentraler Grund, warum große Netze besonders von
realistischen Annahmen profitieren.

Woher kommt ein belastbarer Wert?
Der entscheidende Punkt: Ein belastbarer Gleichzeitigkeitsfaktor wird nicht frei geschätzt, sondern hergeleitet. Drei Quellen sind in der Praxis maßgeblich:
- Normen & Regelwerke: z. B. DIN 4708 für den Warmwasserbedarf oder AGFW-Arbeitsblätter als anerkannte Grundlage.
- Typisierte Lastprofile: Profile nach Gebäudetyp, Nutzung und Quartiersmix, wenn keine Messdaten vorliegen.
- Messdaten & Simulation: stündlich aufgelöste Lastgänge, aus denen sich die Gleichzeitigkeit projektspezifisch ableiten und in Szenarien testen lässt.
Gerade in frühen Planungsphasen, wenn noch keine Messdaten existieren, ersetzt eine simulationsgestützte Herleitung den pauschalen Schätzwert durch eine nachvollziehbare, projektspezifische Annahme.

Was ein falscher Ansatz kostet
Weil der Faktor direkt die Dimensionierung steuert, schlagen Fehler doppelt durch:
- Zu hoch angesetzt → Überdimensionierung: unnötig große Erzeuger, Querschnitte und Speicher, höhere Investitions- und Betriebskosten, schlechtere Teillasteffizienz.
- Zu niedrig angesetzt → Unterdimensionierung: Engpässe bei Lastspitzen, Komforteinbußen und teure Nachrüstungen.
- Richtig angesetzt → Optimum: realistische Spitzenlast, schlanke Auslegung, stabiler Betrieb und belastbare Wirtschaftlichkeit.

In der Praxis: Gleichzeitigkeit mit berta & rudi
In berta & rudi wird die Gleichzeitigkeit dort abgebildet, wo sie entsteht – auf Ebene der Gebäudegruppen. Sobald eine Gruppe mehr als ein Gebäude umfasst, betrachtet die Software die Gebäude als Verbund: Lastspitzen werden nicht einfach summiert, sondern zeitlich überlagert. Der wichtigste Stellhebel ist damit die Anzahl der Gebäude innerhalb einer Gruppe. Den hinterlegten Gleichzeitigkeitsfaktor kannst du einsehen und projektspezifisch anpassen – über das Zahnradsymbol neben dem Anzahlfeld der Gebäudegruppe. Der gewählte Wert taucht anschließend im Bereich „Energiebedarf“ des Gebäudeverbunds wieder auf und fließt direkt in die Auslegung ein. Auf Ebene der gesamten Liegenschaft geht berta & rudi noch einen Schritt weiter: Die Lastprofile der einzelnen Gruppen werden nicht addiert, sondern probabilistisch überlagert und zeitlich randomisiert. So entstehen realistische Gleichzeitigkeiten und realitätsnahe Lastverläufe auch auf Liegenschaftsebene – genau jene dynamische Betrachtung, die pauschale Faktoren ersetzt.
Die Schritt-für-Schritt-Einstellung zeigt die Anleitung in der Knowledge Base sowie das YouTube-Tutorial zur Energiebedarfsprognose & Lastgängen; berta & rudi lassen sich kostenlos testen.
Fazit
Der Gleichzeitigkeitsfaktor ist kein Detail, sondern ein strategischer Stellhebel der Netzauslegung. Entscheidend ist nicht die Formel, sondern ein realistischer, hergeleiteter Wert – aus Normen, typisierten Profilen oder Simulation. Wer ihn projektspezifisch ansetzt statt pauschal, plant Wärmenetze, die schlank, wirtschaftlich und versorgungssicher zugleich sind.
FAQ
Häufig gestellte Fragen
Er beschreibt, welcher Anteil der theoretisch möglichen Spitzenlasten tatsächlich gleichzeitig auftritt. Da nicht alle Verbraucher gleichzeitig ihren Maximalbedarf abrufen, liegt die reale Gesamtspitze unter der Summe der Einzelspitzen. Der Wert liegt zwischen 0 und 1.
Als Orientierung: Wohngebäude mit wenigen Einheiten 0,8–1,0; Quartiere/Mischgebiete 0,5–0,7; Industrie/Gewerbe 0,5–1,0; Wärmenetze mit mehreren hundert Anschlüssen 0,3–0,6. Der konkrete Wert ist immer projektspezifisch herzuleiten.
Aus anerkannten Normen und Regelwerken (z. B. DIN 4708, AGFW), aus typisierten Lastprofilen nach Gebäudetyp und Nutzung oder, am genauesten, aus Messdaten und Simulation mit stündlich aufgelösten Lastgängen.
Weil sich die Lastspitzen vieler unterschiedlicher Verbraucher zeitlich überlagern.
Einzelne Höchstwerte fallen zeitlich auseinander, sodass die gemeinsame Spitze
mit wachsender Anschlusszahl relativ kleiner wird

